Dein Familiengold
Deine Anleitung · 6 Schritte

Wenn deine Kinder streiten

Sechs Schritte für die Momente, in denen es zwischen deinen Kindern kippt. Du musst dabei nicht entscheiden, wer recht hat.

Zum Verständnis

Warum Geschwisterstreit kein Erziehungsproblem ist

Geschwisterstreit fühlt sich für Eltern oft an wie ein Erziehungsproblem: Die Kinder sollten doch inzwischen wissen, wie man sich verträgt.

Aus Sicht des Nervensystems passiert etwas anderes. Zwei Kinder wollen gleichzeitig etwas, beide sind müde oder überreizt, und beide haben noch wenig Übung darin, ein starkes Gefühl auszuhalten, ohne zu handeln.

Dazu kommt: Streit ist der zuverlässigste Weg, dich in den Raum zu holen. Nicht bewusst geplant, aber wirksam. Deshalb hilft an dieser Stelle weder mehr Konsequenz noch die bessere Erklärung.

Die Anleitung

Die sechs Schritte

Du musst nicht alle umsetzen. Such dir eine Stelle aus und fang dort an.

01

Such nicht, wer angefangen hat

Wer nach dem Schuldigen sucht, bekommt zwei Anwälte statt zweier Kinder.

Die Szene

Geschrei aus dem Kinderzimmer. Du kommst rein und fragst als Erstes: Was ist passiert, wer hat angefangen? Und schon reden beide gleichzeitig auf dich ein.

Was da passiert

Mit dieser Frage machst du dich zur Richterin. Ab diesem Moment geht es für beide Kinder nicht mehr um den Konflikt, sondern darum, deine Entscheidung zu gewinnen. Sie erzählen dir nicht, was war, sie erzählen dir, was ihnen nützt. Und das Kind, das verliert, lernt: Bei Streit zieht eins von uns den Kürzeren.

Was du tust

Steig nicht in die Beweisaufnahme ein. Beschreibe stattdessen, was du siehst. Das nimmt sofort Tempo aus der Lage, weil es niemanden auf die Anklagebank setzt.

Sätze, die helfen können

  • Ich sehe zwei Kinder, die beide gerade wütend sind.
  • Hier wollen zwei dasselbe. Das ist blöd.
02

Zuerst Sicherheit, dann Klärung

Ein aufgebrachtes Kind kann nicht verhandeln. Zwei erst recht nicht.

Die Szene

Es wird geschubst, geschrien, vielleicht fliegt etwas. Du willst reden, aber niemand hört zu.

Was da passiert

Beide Nervensysteme sind im Alarmzustand. In diesem Zustand ist der Teil des Gehirns, der abwägt und Perspektiven wechselt, kaum erreichbar. Jedes Gespräch, das jetzt stattfindet, versandet. Was jetzt zählt, ist nicht Klärung, sondern dass niemand zu Schaden kommt.

Was du tust

Geh dazwischen, ruhig und körperlich. Trenne, wenn es sein muss. Erkläre nichts. Die Klärung kommt später, wenn beide wieder ansprechbar sind.

Sätze, die helfen können

  • Ich gehe kurz dazwischen. Ihr seid beide zu aufgeregt.
  • Ich lasse nicht zu, dass ihr euch wehtut.
03

Trenne die Handlung vom Gefühl

Wütend sein darf sein. Hauen nicht.

Die Szene

Dein Kind hat sein Geschwisterkind geschlagen. Der erste Impuls ist, das Gefühl gleich mit zu verbieten: So wütend musst du doch nicht sein.

Was da passiert

Wenn ein Kind lernt, dass Wut selbst verboten ist, verschwindet die Wut nicht. Sie wird nur heimlich. Was Kinder brauchen, ist die Unterscheidung: Das Gefühl ist erlaubt, dieser Weg damit umzugehen nicht.

Was du tust

Benenne beides in einem Satz. Erst das Gefühl, dann die Grenze. In dieser Reihenfolge, sonst hört dein Kind nur die Grenze.

Sätze, die helfen können

  • Du bist richtig wütend. Und du darfst nicht hauen.
  • Das hat dich geärgert. Hauen geht trotzdem nicht.
04

Frag nach dem Bedürfnis, nicht nach dem Grund

Hinter jedem Streit stehen zwei Bedürfnisse, die gleichzeitig auftauchen.

Die Szene

Es geht angeblich um ein Spielzeug. Aber es ging heute schon dreimal um ein Spielzeug, und jedes Mal war ein anderes.

Was da passiert

Der Gegenstand ist selten das Thema. Meistens geht es um etwas anderes: Wer hat gerade mehr von dir. Wer darf bestimmen. Wer wird zuerst gesehen. Kinder können das so nicht sagen, also streiten sie über das, was greifbar ist.

Was du tust

Sprich das mögliche Bedürfnis aus, ohne es zu behaupten. Wenn du daneben liegst, korrigiert dich dein Kind meistens sofort. Und genau das ist schon der Anfang des Gesprächs.

Sätze, die helfen können

  • Ich glaube, du wolltest auch mal dran sein.
  • Ich glaube, dir ist wichtig, dass du selbst entscheidest.
05

Kläre getrennt, nicht gemeinsam

Eine Predigt an zwei Kinder erreicht keins von beiden.

Die Szene

Beide sitzen vor dir, du erklärst, warum man sich vertragen soll. Beide nicken. Zehn Minuten später geht es von vorne los.

Was da passiert

In der gemeinsamen Runde hört jedes Kind vor allem eins: Was das andere gerade an Zuwendung bekommt. Solange beide um deine Aufmerksamkeit konkurrieren, kann keins zuhören.

Was du tust

Geh später zu jedem einzeln. Ein bis zwei Minuten reichen. Ohne das andere Kind daneben braucht niemand Recht zu behalten.

06

Sorge dafür, dass genug da ist

Kinder streiten seltener um dich, wenn sie sicher sind, dass sie dich bekommen.

Die Szene

Immer wenn du telefonierst, kochst oder mit dem einen Kind etwas machst, geht es zwischen den beiden los.

Was da passiert

Deine Aufmerksamkeit ist die knappste Sache im Haushalt. Wo etwas knapp ist, wird darum gekämpft. Viele Geschwisterkonflikte sind kein Beziehungsproblem zwischen den Kindern, sondern ein Verteilungsproblem.

Was du tust

Gib jedem Kind eine kleine, feste Zeit, die verlässlich kommt und die niemand teilen muss. Zehn Minuten am Tag reichen oft. Entscheidend ist nicht die Länge, sondern dass sie sicher stattfindet.

Der erste Schritt

Nicht alle sechs auf einmal

Such dir einen aus. Für diese Woche, für die eine Situation, in der es bei euch am häufigsten knallt.

Am meisten verändert meistens der sechste: dafür zu sorgen, dass jedes Kind eine kleine, sichere Zeit mit dir hat, die es nicht teilen muss.

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Dieser Guide ist ein Bildungs- und Präventionsangebot und ersetzt keine medizinische, psychologische oder therapeutische Beratung. Bei Unsicherheiten wende dich bitte an entsprechende Fachleute.